Hildegard von Bingen

Die Universalgelehrte des Mittelalters

* 1098 Bermersheim vor der Höhe bei Alzey, Heiliges Römisches Reich (heute Rheinland-Pfalz, Deutschland)

† 17. September 1179 Rupertsberg bei Bingen, Heiliges Römisches Reich (heute Rheinland-Pfalz, Deutschland)

Die Universalgelehrte Hildegard von Bingen beim Studieren und Praktizieren

Wer war Hildegard von Bingen? Kurz zusammengefasst

Hildegard von Bingen war eine der wenigen Frauen des Mittelalters, deren Wort bei Päpsten und Kaisern Gewicht hatte. Sie schrieb, komponierte, predigte und ordnete – in einer Welt, die Frauen das öffentliche Wort verwehrte. Wer wenig Zeit hat, findet hier das Wichtigste auf einen Blick:

  • Lebensdaten: geboren 1098 in Bermersheim, gestorben am 17. September 1179 auf dem Rupertsberg, mit 81 Jahren.
  • Rollen: Benediktinerin, Äbtissin, Mystikerin, Naturkundlerin, Komponistin und Briefeschreiberin.
  • Bekannt für: ihre visionäre Trilogie (allen voran Scivias), ihre natur- und heilkundlichen Schriften Physica und Causae et curae sowie ihre Gesänge und das Singspiel Ordo virtutum.
  • Klöster: Sie gründete die Klöster auf dem Rupertsberg (um 1150) und in Eibingen (1165); die heutige Abtei St. Hildegard führt diese Linie fort.
  • Kirchliche Ehrung: Papst Benedikt XVI. nahm sie am 10. Mai 2012 in den Heiligenkalender auf und erhob sie am 7. Oktober 2012 zur Kirchenlehrerin – als vierte Frau überhaupt.

Ein Leben zwischen Kloster und Öffentlichkeit

Hildegard kam 1098 als zehntes Kind des Edelfreien Hildebert von Bermersheim und seiner Frau Mechthild zur Welt. Getauft wurde sie in der Martinskirche ihres Heimatorts.¹ Mit acht Jahren gaben ihre Eltern sie in die Obhut der Reklusin Jutta von Sponheim. Gemeinsam lebten sie am Benediktinerkloster Disibodenberg an der Nahe, wo aus der Frauenklause allmählich eine kleine Gemeinschaft wuchs.

Schon als Kind hatte Hildegard Visionen. Zugleich war sie oft krank, manchmal kaum fähig zu gehen, immer wieder durch ihr Augenlicht eingeschränkt.¹ Nach Juttas Tod wählte der Konvent sie 1136 zur Leiterin. Von da an trat eine Frau hervor, die weit über die Klostermauern hinauswirkte.

Ihren Ruf verdankte Hildegard nicht nur ihren Schriften, sondern auch ihrem Mut. Sie korrespondierte mit Päpsten, Erzbischöfen und mit Kaiser Friedrich Barbarossa. Am 16. April 1163 stellte Barbarossa ihr auf dem Mainzer Hoftag einen Schutzbrief aus – die erste Urkunde, die sie ausdrücklich „abbatissa“, also Äbtissin, nennt.²

Ungewöhnlich für eine Frau ihrer Zeit war ihr öffentliches Auftreten. Zwischen 1160 und 1170 unternahm Hildegard vier große Predigtreisen. Sie zogen sich über Mainz, Würzburg, Bamberg, Trier, Metz, Köln und bis nach Schwaben.² Zu Pferd, per Schiff und zu Fuß trug sie ihre Kritik am verweltlichten Klerus vor die Menschen. In Köln hielt sie eine Predigt, die bis heute erhalten ist.¹

Anzeige: Diese Karten enthalten Affiliate-Links. Kaufst du darüber, erhalten wir eine Provision – am Preis ändert sich für dich nichts. 100 % der Einnahmen gehen als Spende an feministische Projekte.

Todesursache: Woran starb Hildegard von Bingen?

Eine bestimmte Krankheit als Todesursache ist nicht überliefert. Hildegard starb am 17. September 1179 im Alter von 81 Jahren auf dem Rupertsberg – nach allem, was die Quellen berichten, an Altersschwäche und friedlich.¹ Kurz zuvor hatte sie noch einen letzten Konflikt durchgestanden: Sie hatte einen mit der Kirche versöhnten, aber einst gebannten Adligen in geweihter Erde bestatten lassen und sich geweigert, den Leichnam wieder ausgraben zu lassen. Die Mainzer Kirchenoberen verhängten daraufhin ein Interdikt über ihr Kloster. Hildegard hielt stand, bis das Verbot kurz vor ihrem Tod aufgehoben wurde.¹

Visionen und Mystik

Von einem Schlüsselerlebnis berichtet Hildegard selbst im Vorwort zu ihrem Werk Scivias. Im Jahr 1141, mit zweiundvierzig Jahren, habe sie „ein überaus stark funkelndes Licht aus dem geöffneten Himmel kommen“ sehen. Es habe ihr Gehirn, ihr Herz und ihre Brust durchströmt „gleich einer Flamme, die jedoch nicht brennt, sondern erwärmt“.¹ In diesem Moment, so schreibt sie, verstand sie plötzlich den Sinn der biblischen Schriften.

Diese Erfahrung machte Hildegard zur Autorin. Sie diktierte ihre Schauungen dem Mönch Volmar, der sie schon in ihrer Ausbildung begleitet hatte. Bernhard von Clairvaux unterstützte sie. Auf der Synode von Trier billigte Papst Eugen III. 1147/48 ihre Schriften und las Teile aus Scivias vor.¹ Damit war das Ungewöhnliche geschehen: Die Kirche stellte sich hinter die Visionen einer Frau.

Viriditas – die „Grünkraft“

Kein Begriff verdichtet Hildegards Denken so sehr wie viriditas, die „Grünkraft“. Gemeint ist die lebendige, treibende Kraft, die Gott durch die ganze Schöpfung schickt – vom Samenkorn bis zur Seele des Menschen. „Die Seele ist die grünende Kraft im Leibe“, schrieb Hildegard.¹ Für sie war die Natur kein totes Material, sondern ein Gefüge, in dem alles mit allem verbunden ist. Der Mensch stand in ihren Visionen im Zentrum dieses Kosmos, mit Himmel und Erde in sich selbst.

Klöster, Orden und Heiligsprechung

Auf dem Disibodenberg fühlte Hildegard sich bald zu eng. Um 1150 gründete sie ein eigenes Kloster über dem Grab des heiligen Rupert, auf einer Anhöhe bei Bingen. Mit achtzehn Schwestern zog sie 1151 auf den Rupertsberg, dessen Anlage für ihre durchdachte Bauweise und ihre Hygiene bekannt wurde.¹ ² Der Ort wurde zum Anlaufpunkt für Kranke und Ratsuchende aus dem ganzen Rheingau.¹

Weil der Zulauf wuchs, gründete Hildegard 1165 ein Tochterkloster im nahen Eibingen bei Rüdesheim.² Der Unterschied ist bis heute sichtbar: Das Kloster auf dem Rupertsberg wurde 1632 im Dreißigjährigen Krieg zerstört und ist verschwunden. Das Kloster in Eibingen dagegen lebt fort. 1904 gründeten Benediktinerinnen dort die bis heute bestehende Abtei St. Hildegard, in der Schwestern Hildegards Erbe pflegen und Wein anbauen.¹

Ihre Heiligkeit war lange umstritten – nicht inhaltlich, sondern verfahrensrechtlich. Schon um 1235 leitete Papst Gregor IX. ein Heiligsprechungsverfahren ein, doch es kam nie zum Abschluss. Auch ein zweiter Anlauf unter Innozenz IV. blieb 1244 ohne Ergebnis. Verehrt wurde sie trotzdem, und 1584 nahm man sie ins Martyrologium Romanum auf.¹

Erst Papst Benedikt XVI. löste den Knoten. Am 10. Mai 2012 ordnete er an, Hildegard ohne förmliches Verfahren in den Heiligenkalender der Weltkirche aufzunehmen. Am 7. Oktober 2012 erhob er sie zur Kirchenlehrerin – eine Auszeichnung, die vor ihr nur drei Frauen erhalten hatten.³ In seinem Apostolischen Schreiben würdigte er sie als Lehrerin von bleibender Aktualität.³

Bücher und Werke von Hildegard von Bingen

Kaum eine andere Frau des Mittelalters hat ein so breites Werk hinterlassen. Von Hildegard sind fünf Bücher überliefert, dazu viele Briefe, Predigten, Lieder und eine Lebensbeschreibung.⁴ Da sie kein perfektes Latein beherrschte, diktierte sie ihre Texte ihren Sekretären.¹ Ihr Werk lässt sich grob in drei Felder teilen: die visionäre Theologie, die Naturkunde und die Musik. Die folgenden Bücher bilden den Kern.

Anzeige: Diese Karten enthalten Affiliate-Links. Kaufst du darüber, erhalten wir eine Provision – am Preis ändert sich für dich nichts. 100 % der Einnahmen gehen als Spende an feministische Projekte.

Liber Scivias

Scivias (kurz für lateinisch Sci vias Domini, „Wisse die Wege des Herrn“) ist Hildegards erstes großes Werk. Sie schrieb rund ein Jahrzehnt daran, von 1141 bis 1151, gemeinsam mit dem Mönch Volmar, den sie ihren „Miteingeweihten“ nannte.¹ In 26 Visionen entfaltet sie einen weiten Bogen von der Schöpfung der Welt über das Werden der Kirche bis zur Erlösung am Ende der Zeiten.

Der Ton ist prophetisch und mahnend, verwandt mit dem biblischen Ezechiel und der Offenbarung des Johannes.¹ Immer neue Bilder machen anschaulich, wie sich der Mensch von Gott ab- und ihm wieder zuwendet. Genau dieses Werk machte Hildegard über die Klostermauern hinaus bekannt: Auf der Synode von Trier billigte Papst Eugen III. 1147/48 die Schrift, und aus der Verfasserin wurde die „Prophetin vom Rhein“.²

Anzeige: Diese Karten enthalten Affiliate-Links. Kaufst du darüber, erhalten wir eine Provision – am Preis ändert sich für dich nichts. 100 % der Einnahmen gehen als Spende an feministische Projekte.

Liber vitae meritorum

Das „Buch der Lebensverdienste“ ist Hildegards zweites großes Visionswerk, entstanden zwischen 1158 und 1163. Darin treten Tugenden und Laster in lebhaften Wechselreden gegeneinander an – ein Aufbau, der an die alte Form der Psychomachie, den Seelenkampf, anknüpft.² Hildegard schildert die Laster mit ungewöhnlich genauem psychologischem Blick.²

Im Kern steht ihr Menschenbild. Der Mensch ist frei geschaffen und ein Leben lang in die Entscheidung gestellt, ob er seiner gottgewollten Bestimmung folgt oder nicht.¹ Als Maßstab und Vorbild zeichnet das Buch eine anschauliche Lebensbeschreibung Christi.¹ So wird aus der Tugendlehre kein trockener Katalog, sondern eine Ermutigung zur Umkehr und zur tätigen Reue.

Anzeige: Diese Karten enthalten Affiliate-Links. Kaufst du darüber, erhalten wir eine Provision – am Preis ändert sich für dich nichts. 100 % der Einnahmen gehen als Spende an feministische Projekte.

Liber divinorum operum

Das „Buch der göttlichen Werke“ (lateinisch De operatione Dei) entstand zwischen 1163 und 1173 und gilt als Hildegards reifstes Werk.² In zehn großen Kosmosvisionen ordnet sie die Weltsphären in konzentrischen Kreisen um die Gestalt des Menschen an. Der Mensch erscheint als Mikrokosmos, der den ganzen Makrokosmos in sich spiegelt.¹

Alles ist bei Hildegard aufeinander bezogen: Natur und Geschichte, Leib und Seele, Schöpfer und Geschöpf. „Der Mensch hat ja Himmel und Erde und die ganze übrige Kreatur schon in sich selber“, lässt sie ihre Schau zusammenlaufen.¹ Erhalten ist das Werk unter anderem im prachtvoll bebilderten Lucca-Codex des 13. Jahrhunderts, dessen Miniaturen ihre Visionen bis heute sichtbar machen.¹

Anzeige: Diese Karten enthalten Affiliate-Links. Kaufst du darüber, erhalten wir eine Provision – am Preis ändert sich für dich nichts. 100 % der Einnahmen gehen als Spende an feministische Projekte.

Physica

Die Physica ist Hildegards Naturkunde. In der Tradition mittelalterlicher Werke „über die Natur der Dinge“ beschreibt sie Pflanzen, Bäume, Tiere, Steine und Metalle und ordnet sie nach ihrem Nutzen für den Menschen.² Der ursprüngliche Titel lautete Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum – „Buch von den Feinheiten der verschiedenen Naturen der Geschöpfe“.⁵

Der Umfang ist beachtlich. Allein an Pflanzen und Bäumen katalogisierte Hildegard rund 280 Arten.¹ Der Klostermedizin-Forscher Johannes Gottfried Mayer zählt in der Physica 217 Pflanzen und 60 Bäume.⁴ Manches war seiner Zeit voraus: Hildegard war die Erste, die die Ringelblume nennt und ihre Anwendung auf der Haut beschreibt.⁴ Wichtig bleibt die Einordnung – die Physica ist kein Visionswerk, sondern gesammeltes Erfahrungswissen ihrer Zeit.⁵

Anzeige: Diese Karten enthalten Affiliate-Links. Kaufst du darüber, erhalten wir eine Provision – am Preis ändert sich für dich nichts. 100 % der Einnahmen gehen als Spende an feministische Projekte.

Causae et curae

Causae et curae – „Ursachen und Behandlung der Krankheiten“ – ist Hildegards Heilkunde. Krankheit versteht sie darin als Ungleichgewicht, Gesundheit als Gleichgewicht von Leib und Seele.¹ Sie greift die antike Vorstellung der vier Körpersäfte auf und verbindet den Menschen eng mit den vier Elementen Feuer, Luft, Wasser und Erde.⁵ Neben Physiologie und Krankheitslehre enthält das Buch auch eine für ihre Zeit auffallend offene Betrachtung der Sexualität.²

Überliefert ist der Text nur in einer einzigen Handschrift des 13. Jahrhunderts, weshalb sein Aufbau lückenhaft wirkt.² Physica und Causae et curae gehen vermutlich auf eine gemeinsame Grundschrift zurück. Beide sind – anders als die Visionswerke – nicht als göttliche Offenbarung überliefert, sondern als natur- und heilkundliches Erfahrungswissen ihrer Zeit.⁵ Genau dieser Unterschied wird später bei der „Hildegard-Medizin“ entscheidend.

Anzeige: Diese Karten enthalten Affiliate-Links. Kaufst du darüber, erhalten wir eine Provision – am Preis ändert sich für dich nichts. 100 % der Einnahmen gehen als Spende an feministische Projekte.

Epistolae

Ein eigenes Kapitel ist Hildegards Briefwechsel, der zu den umfangreichsten des Mittelalters zählt. Zu ihren Briefpartnern gehörten die Päpste Eugen III., Anastasius IV., Hadrian IV. und Alexander III., dazu die Erzbischöfe von Mainz, Trier, Köln und Salzburg sowie Bernhard von Clairvaux.² Auch Kaiser Friedrich Barbarossa, König Konrad III. und Heinrich II. von England schrieben ihr.² Neuere Quellenanalysen bestätigen die Echtheit dieser Korrespondenz.²

Bemerkenswert ist der Ton. Hildegard schmeichelte nicht, sondern mahnte – auch die Mächtigen. Als Barbarossa einen Gegenpapst durchsetzte, bekannte sie sich offen zu Papst Alexander III. und warnte den Kaiser: „Gib acht, dass der höchste König dich nicht zu Boden streckt!“¹ Ihre Briefe zeigen eine Frau, die ihre Stimme als Auftrag verstand und sie auch gegen Widerstände erhob.

Anzeige: Diese Karten enthalten Affiliate-Links. Kaufst du darüber, erhalten wir eine Provision – am Preis ändert sich für dich nichts. 100 % der Einnahmen gehen als Spende an feministische Projekte.

Musik: der „Ordo virtutum“ und die Gesänge

Hildegard war auch Dichterin und Komponistin. Sie schrieb Texte und Melodien zu 77 Liedern, die unter dem Titel Symphonia harmoniae caelestium revelationum gesammelt wurden.² Ihre Gesänge fallen durch weite Tonsprünge und reiche Verzierungen auf.² Musik war für sie kein Beiwerk, sondern eine Gabe Gottes und eine Erinnerung an das verlorene Paradies.

Ihr bekanntestes musikalisches Werk ist der Ordo virtutum, das „Spiel der Kräfte“. In 35 Dialogen ringen die Tugenden mit dem Teufel um die menschliche Seele.¹ Das Stück gilt als eines der frühesten geistlichen Musikdramen überhaupt – lange vor der Blüte des liturgischen Spiels. Wer Hildegards Klang heute hört, versteht schnell, warum ihre Musik längst wieder auf Konzertbühnen angekommen ist.

Anzeige: Diese Karten enthalten Affiliate-Links. Kaufst du darüber, erhalten wir eine Provision – am Preis ändert sich für dich nichts. 100 % der Einnahmen gehen als Spende an feministische Projekte.

Die Hildegard-Medizin: Was steckt dahinter?

Hier ist Klarheit nötig, denn kaum ein Thema wird so oft missverstanden. Der Begriff „Hildegard-Medizin“ stammt nicht aus dem Mittelalter. Er wurde erst 1970 vom österreichischen Arzt Gottfried Hertzka geprägt, der aus Hildegards Schriften ein eigenes Heilsystem formte.⁵ Sein Buch trug den Titel So heilt Gott – schon daran zeigt sich sein Anspruch, Hildegards Ratschläge als göttliche Offenbarung zu deuten.⁴

Genau das aber trifft nicht zu. Hildegards heilkundliche Texte beruhen nicht auf ihren Visionen, sondern auf dem Alltags- und Erfahrungswissen ihrer Epoche.⁵ Der Medizinhistoriker Heinrich Schipperges urteilte, die Versuche, eine „Hildegard-Medizin“ in Praxis und Apotheke zu bringen, entbehrten „jeder wissenschaftlichen Grundlage“.⁵ Die Medizinhistorikerin Irmgard Müller nannte sie ein „therapeutisches Konstrukt profitbewusster Marktstrategen“ – und schlug vor, sie ehrlicher „Hertzka-Medizin“ zu nennen.⁵

Das heißt nicht, dass Hildegards Heilkunde wertlos wäre. Der Würzburger Klostermedizin-Forscher Johannes Gottfried Mayer betont, dass sie bei manchen Pflanzen „absolute Volltreffer“ gelandet hat.⁴ Es lohnt sich also, genau hinzusehen: Was geht auf Hildegard zurück – und was ist späte Vermarktung?

Ihr Gesundheitsprogramm lässt sich in wenigen Grundsätzen zusammenfassen: maßvolle Ernährung, der Wechsel von Ruhe und Aktivität, Heilpflanzen und Gewürze sowie eine seelische Ordnung aus Glaube, Musik und Gebet.⁵ Aderlass, Schröpfen und Fasten gehörten zur mittelalterlichen Medizin dazu. Für viele dieser Verfahren fehlt bis heute ein wissenschaftlicher Wirksamkeitsnachweis.⁵

Heilpflanzen und Kräuter: welche sie nutzte – und wogegen

In der Physica beschreibt Hildegard 217 Pflanzen und 60 Bäume.⁴ Bei einigen war sie ihrer Zeit voraus. Sie war die Erste, die die Ringelblume nennt und ihre Anwendung auf der Haut festlegt.⁴ Ein von ihr genanntes Wundkraut könnte die heutige Arnika sein – die tatsächlich bei stumpfen Verletzungen hilft.⁴ Zugleich ist Vorsicht geboten: Ihr Rat, bei Epilepsie eine Handvoll Maiglöckchen zu essen, wäre gefährlich, denn die Pflanze ist giftig.⁴

Galgant, Bertram und Fenchel: ihre Leitgewürze

Bekannt ist Hildegards Gewürztherapie mit Galgant, einem asiatischen Ingwergewächs, das sie zur besseren Verdauung empfahl.⁴ Die Bertramwurzel gilt als typisches „Hildegard-Kraut“ und stand bei ihr fast täglich auf dem Tisch. Fenchel zählte zu ihren Lieblingskräutern, für den sie konkrete Rezepte angab.⁴ Auch Ingwer und Muskatnuss kannte sie – entdeckt hat sie diese Gewürze allerdings nicht, sie waren schon im Handel.⁴

Ringelblume, Andorn und Schlüsselblume: für Haut, Husten und Gemüt

Für die Haut empfahl Hildegard die Ringelblume, gegen Husten einen bitteren Wein aus der Andorn-Pflanze, gekocht mit Fenchel und Dill.⁴ Bei trüber Stimmung riet sie zur Schlüsselblume.⁴ Solche Empfehlungen zeigen ihre doppelte Quelle: gelehrtes Wissen aus Büchern und mündlich überliefertes Volksheilwissen. Nicht alles hält der modernen Prüfung stand – aber manches, wie Ringelblume, Andorn und Fenchel, gilt bis heute als vernünftig.⁴

Anzeige: Diese Karten enthalten Affiliate-Links. Kaufst du darüber, erhalten wir eine Provision – am Preis ändert sich für dich nichts. 100 % der Einnahmen gehen als Spende an feministische Projekte.

Ernährung und Rezepte nach Hildegard von Bingen

Hier hält sich ein hartnäckiger Irrtum. Hildegard hat kein einziges Kochbuch und kein einziges Backrezept geschrieben.⁴ Sämtliche „Hildegard-Kochbücher“ sind eine Erfindung der Neuzeit. Wenn Hildegard ein Rezept nennt, geht es immer um die Heilwirkung einer Pflanze, nie um Genuss.⁴ Ihre Ernährungslehre besteht aus Grundsätzen, nicht aus Menüs.

Diese Grundsätze sind erstaunlich modern. Hildegard riet zu einem warmen Frühstück, warnte vor zu fettem Essen und vor Völlerei und sah in maßlosem Schlemmen die Ursache vieler Krankheiten.⁴ „Wenn Magen und Darm gesund sind, ist der ganze Mensch gesund“, so ihr Gedanke.⁴ Schweinefleisch mochte sie nicht, Wildbret empfahl sie.

Eine Sonderrolle spielt der Dinkel. Hildegard lobte ihn als „das beste Getreide“, das „frohen Sinn und Freude im Gemüt“ bereite.⁵ Ihren heutigen Kult verdankt der Dinkel jedoch weniger Hildegard selbst als der modernen Hildegard-Bewegung, die ihn zum universellen Heilmittel erklärte.⁵

Was sind Nervenkekse?

Die berühmten „Nervenkekse“ sind das bekannteste Beispiel für Hildegards Nachwirkung in der Küche – und zugleich für spätere Ausdeutung. Sie beruhen auf einer Gewürzmischung, die Hildegard beschrieb: Muskatnuss, Zimt und etwas Gewürznelke.⁶ Ein verbreitetes Rezept nennt 45 Gramm Muskat, 45 Gramm Zimt und 10 Gramm Nelke, verknetet mit einem Teig aus Dinkel.⁶

Nach der Überlieferung sollen die Kekse Konzentration, Stimmung und Nerven stärken – daher der Name. Ein Wort der Vorsicht gehört dazu: Muskat wirkt in großen Mengen giftig, weshalb Erwachsene nicht mehr als fünf bis sechs Kekse am Tag essen sollten.⁶ Ein wissenschaftlicher Beleg für die versprochene Wirkung fehlt. Als würziges Gebäck sind sie dennoch beliebt.

Fasten nach Hildegard von Bingen

Das Fasten passt zu Hildegards Grundüberzeugung, dass ein maßvolles Leben gesund hält. Sie empfahl, immer wieder zu fasten, warnte aber ausdrücklich davor, es zu übertreiben.⁴ Fasten war für sie ein Mittel der seelischen wie der körperlichen Reinigung, eingebettet in Gebet und geregelte Lebensführung.

Wichtig ist auch hier die Einordnung. Die aufwendigen Fastenkuren, die heute unter dem Etikett „Fasten nach Hildegard“ verkauft werden, finden sich so bei Hildegard nicht.⁵ Sie sind eine moderne Ausgestaltung. Wer fasten möchte, sollte das ohnehin nicht bei jeder Konstitution und nicht ohne ärztliche Begleitung tun.⁵

Edelsteine und Heilsteine nach Hildegard

Zur mittelalterlichen Heilkunde gehörte auch die Kraft der Steine. Hildegard empfahl, Edelsteine zu pulverisieren und in Arzneien zu mischen oder sie unmittelbar anzuwenden.⁴ Berühmt ist ihr Rat zum Saphir: „Wem jede Einsicht fehlt und wer doch klug sein möchte und es nicht sein kann, der soll auf nüchternen Magen oft an einem Saphir lecken.“⁴

Solche Sätze führen mitten ins mittelalterliche Weltbild. Sie zeigen eine neugierige, mitunter humorvolle Denkerin – aber keine Anleitung für die Gegenwart. Aus heutiger Sicht ist die Edelsteintherapie ohne belegbare Wirkung. Als Zeugnis ihrer Zeit bleibt sie trotzdem faszinierend.

Wogegen hilft die Hildegard-Medizin vor allem?

Wer nach konkreten Anwendungsfeldern fragt, findet in Hildegards Schriften vor allem Rat zu Verdauung, Haut, Atemwegen und Gemüt. Auffällig oft beschäftigte sie sich zudem mit Augen- und psychischen Erkrankungen.⁴ Damit die Erwartung realistisch bleibt, hilft eine ehrliche Zuordnung:

  • Verdauung und Magen-Darm: Galgant zur Verdauungsförderung, dazu ihre generelle Lehre vom maßvollen Essen.⁴
  • Haut: Ringelblume als Auflage, deren Nutzen bis heute anerkannt ist.⁴
  • Atemwege und Husten: der bittere Andorn-Wein.⁴
  • Nerven und Stimmung: die Gewürzmischung der Nervenkekse sowie die Schlüsselblume.⁴ ⁶
  • Seelische Balance: Musik, Gebet und ein geregelter Wechsel von Ruhe und Arbeit.⁵

Für viele dieser Anwendungen fehlt ein moderner Wirksamkeitsnachweis; einzelne Pflanzen wie Ringelblume oder Fenchel gelten dagegen als sinnvoll.⁴ Bei ernsteren Beschwerden ersetzt Hildegards Heilkunde keine ärztliche Behandlung. Als Ergänzung und als kulturelles Erbe hat sie ihren Platz.

Anzeige: Diese Karten enthalten Affiliate-Links. Kaufst du darüber, erhalten wir eine Provision – am Preis ändert sich für dich nichts. 100 % der Einnahmen gehen als Spende an feministische Projekte.

Zitate von Hildegard von Bingen

Zum Schluss ein Wort zu den vielen Sprüchen, die im Netz kursieren. Nicht alles, was Hildegard zugeschrieben wird, stammt von ihr. Das beliebte „Werde, was du bist – Mensch, werde Mensch“ etwa ist nicht von Hildegard, auch wenn es ihre Denkweise gut trifft.¹ Wer zitiert, sollte also auf die Quelle achten. Diese Sätze sind belegt:

  • „Die Seele ist die grünende Kraft im Leibe, sie wirkt mittels des Leibes und der Leib mittels der Seele.“¹
  • „Der Dinkel ist das beste Getreide […] und er macht frohen Sinn und Freude im Gemüt des Menschen.“⁵
  • „O Mensch, schau dir doch den Menschen richtig an: Der Mensch hat ja Himmel und Erde und die ganze übrige Kreatur schon in sich selber.“¹

Gemeinsam ist diesen Worten ihr Grundgedanke: Alles hängt zusammen, Leib und Seele, Mensch und Schöpfung. Vielleicht ist das der wahre Grund, warum Hildegard von Bingen nach mehr als achthundert Jahren wieder gehört wird – von Musikliebhabern, von Theologinnen und von Menschen, die in der Natur mehr sehen als Rohstoff.

Fazit: Warum ihr Name bis heute nachhallt

In einem einzigen Leben war Hildegard von Bingen vieles zugleich: Äbtissin und Klostergründerin, Visionärin und Theologin, Naturkundlerin und Ärztin, Dichterin und Komponistin. Sie schrieb drei große visionäre Werke, katalogisierte rund 280 Pflanzen und Bäume, verfasste Texte und Melodien zu 77 Liedern und ein frühes geistliches Musikdrama.¹ ² Kaum eine andere Frau des Mittelalters hat ein so breites Werk hinterlassen – und über kaum eine wissen wir heute so viel.⁴

Bemerkenswert bleibt, wo sie das tat. In einer Welt, die Frauen das öffentliche Wort verwehrte, predigte Hildegard auf Marktplätzen, korrespondierte mit Päpsten und Kaisern und widersprach den Mächtigen ihrer Zeit.¹ Sie diktierte, ordnete, baute – und ließ sich weder von Krankheit noch von einem Interdikt aufhalten.

Ihr Nachhall speist sich aus mehreren Quellen. Ihre Musik steht wieder auf den Konzertbühnen. Ihr Naturdenken, in dem alles mit allem verbunden ist, spricht eine ökologisch sensible Gegenwart an. Und die Kirche ehrte sie 2012 mit dem Titel der Kirchenlehrerin.³ Zugleich lohnt der wache Blick: Vieles, was heute als „Hildegard-Medizin“ verkauft wird, stammt nicht von ihr. Wer Hildegard ernst nimmt, trennt die historische Denkerin von der modernen Vermarktung – und findet darunter eine der eigenständigsten Stimmen des Mittelalters.

* Dein Kauf stärkt feministische Projekte

Einige der Links auf dieser Seite sind sogenannte Affiliate-Links. Als AWIN-Partner verdiene ich an qualifizierten Verkäufen. Wenn du über einen dieser mit „(Werbung*)“ gekennzeichneten Links einkaufst, erhalte ich vom jeweiligen Anbieter eine kleine Provision – für dich entstehen dabei keine Mehrkosten. Das Beste daran: Alle Provisionen werden an feministische Projekte gespendet. Support mit Wirkung – ganz einfach!

Auch unvergessen:

Bildquellen

  • Hildegard von Bingen, Porträt-Kupferstich (17.–19. Jh.). Österreichische Nationalbibliothek, gemeinfrei (Public Domain Mark 1.0). Hintergrund entfernt/ freigestellt.

Textquellen

  1. Schäfer, Joachim: „Hildegard von Bingen“. In: Ökumenisches Heiligenlexikon. heiligenlexikon.de
  2. Schipperges, Heinrich: „Hildegard von Bingen“. In: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 131–133. Deutsche Biographie
  3. Benedikt XVI.: „Apostolisches Schreiben zur Erhebung Hildegards von Bingen zur Kirchenlehrerin“, 7. Oktober 2012. vatican.va
  4. Spendier, Madeleine: „Kräuterkunde nach Hildegard: Heilsam bis giftig“ (Interview mit Johannes Gottfried Mayer). katholisch.de
  5. „Hildegard-Medizin“. In: Wikipedia. Wikipedia
  6. „Nervenkekse nach Hildegard von Bingen“. Herbathek